Kneecap: zwischen politischem sturm und irischem erbe

Ein Pint Guinness in der Hand, eine Zoom-Verbindung nach Belfast – so traf ich Móglaí Bap, Mo Chara und DJ Próvaí von Kneecap. Die drei sind geradezu Kult in ihrer Heimat, und ihr Aufstieg in die internationale Musikszene wird von einer beispiellosen Mischung aus kreativem Mut und politischer Kontroverse begleitet. Was als ausgelassene Party-Rap-Gruppe begann, hat sich zu einer Stimme für die irische Unabhängigkeit und eine scharfe Kritik an Kolonialismus entwickelt – mit weitreichenden Konsequenzen.

Von coachella bis zum gerichtssaal: ein turbulentes jahr

Der Wendepunkt kam auf dem Coachella Festival 2025, als Kneecap ihre Bühne nutzte, um ihre Solidarität mit Palästina zu demonstrieren. Das Ergebnis: Der Verlust ihrer US-Booking-Agenturen und die Streichung der Visas für alle drei Mitglieder. Ein ausverkauftes Konzert in New York City konnte nicht gerettet werden, ebenso wenig eine geplante Nordamerika-Tour. Der kanadische Parlamentssekretär Vince Gasparro warf der Band vor, „politische Gewalt zu verstärken“ – ein Vorwurf, der in Toronto zu einer weiteren Tourabsage führte.

Doch Kneecap ließ sich nicht beirren. Ihre Musik, die seit jeher für einen reunifizierten, unabhängigen Irland eintritt, ist tief verwurzelt in der irischen Geschichte und dem Kampf gegen die britische Herrschaft. Die Parallelen zu Palästina sind für die Band offensichtlich. Wie New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani kürzlich betonte, geht es in beiden Fällen um das Recht auf Selbstbestimmung.

Ein weiterer Schlag folgte, als ein Video auftauchte, das Mo Chara mit einer Flagge zeigt, die mit der libanesischen Organisation Hisbollah in Verbindung steht. Mo Chara betonte, er sei sich der Bedeutung des Symbols nicht bewusst gewesen, und distanzierte sich vehement von der Organisation. Dennoch mischte sich der britische Premierminister Keir Starmer ein und forderte eine „klare Verurteilung“ der Band. Das Gericht wies die Anklage jedoch vollständig ab – ein Zeichen dafür, dass Kneecap trotz des immensen Drucks an ihren Prinzipien festhält.

„Fenian“: mehr als nur ein albumtitel

„Fenian“: mehr als nur ein albumtitel

Ihr neues Album, schlicht „Fenian“ genannt, ist keine bloße Sammlung von Songs, sondern eine Reflexion der vergangenen Ereignisse und eine erneute Bekräftigung ihrer Überzeugungen. „Die Schwierigkeiten, die wir seit Coachella oder dem Gerichtsprozess erlebt haben, sind marginal im Vergleich zu den Kämpfen, die in Palästina stattfinden“, erklärt Móglaí Bap. Der Albumtitel ist Programm: Ein „Fenian“ ist jemand, der sich auflehnt, der nicht aufgibt und für seine Ideale einsteht – ein Begriff, der einst abwertend gebraucht wurde, heute aber stolz getragen wird.

Kneecap hat mit Produzern wie Dan Carey (Black Midi, Wet Leg) zusammengearbeitet, um einen neuen, gleichzeitig raffinierten und rohen Sound zu kreieren. Der zweite Single-Vortrag, „Smugglers & Scholars“, ist ein Paradebeispiel dafür: Aggressive Synthesizer und Trap-Beats untermalen kraftvolle Rap-Parts, in denen es um Souveränität und die Rolle des britischen Staates geht. „Wir sind stolz. Und wenn man an einem Künstler interessiert ist, will man sehen, dass er sich versucht, Grenzen zu überschreiten“, so Móglaí Bap.

Turning point in nordirland: ein angriff auf die jugend?

Turning point in nordirland: ein angriff auf die jugend?

Neben der Musik beschäftigt Kneecap auch politische Entwicklungen in ihrer Heimat. Die Ankündigung der amerikanischen konservativen Organisation Turning Point USA, Universitäten in Nordirland für die Rekrutierung von Studenten zu nutzen, wird von der Band mit Skepsis betrachtet. „Christlicher Nationalismus und Konservatismus sind in Nordirland seit Jahrhunderten miteinander verwoben. Daher ist es keine Überraschung, dass sie versuchen, in diesem Umfeld Fuß zu fassen“, sagt Móglaí Bap. Die Band glaubt, dass die Strategie auf Angst basiert und von der Jugend Nordirlands kaum Anklang finden wird.

Kneecap ist mehr als nur eine Rap-Gruppe. Sie sind Sprachrohr einer Generation, die sich für ihre Rechte einsetzt und die Welt mit ihren Augen betrachtet. „Wir haben fast 900 Jahre Kolonialismus in Irland erlebt. Das erklärt, warum wir die Unterdrückten auf der ganzen Welt unterstützen“, so Mo Chara.

Ihr Weg mag steinig sein, aber Kneecap bleibt ihrem Weg treu – und das mit einer unerschütterlichen Entschlossenheit, die in ihrer Musik widerhallt. Denn manchmal ist die lauteste Botschaft die, die aus dem Herzen kommt.

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