Schiaparelli: als kunst neu entdeckt – ein triumph der moderne

Die Victoria & Albert Museum Ausstellung “Schiaparelli: Fashion Becomes Art” ist keine bloße Retrospektive, sondern eine Offenbarung. Wer hier erwartet, staubige Modehistorie zu finden, wird eines Besseren belehrt – Elsa Schiaparelli war ihrer Zeit weit voraus und ihre Kreationen atmen eine unvergleichliche Modernität, die bis heute inspiriert.

Ein salon voller visionen

Die Ausstellung beginnt mit einem Paukenschlag: Ein lebensgroßes Porträt Schiaparelli in ihrem Salon, die Colonne Vendôme im Hintergrund durch zarte, geraffte Netzhängevorhänge sichtbar. Umgeben von Zeitungsartikeln aus dem Jahr 1935, die ihre Innovationen feierten, und einem Trio handgestrickter Pullover armenischer Frauen mit Trompe-l’oeil-Schals, die ihr den Durchbruch bescherte, taucht man direkt in die Welt einer unkonventionellen Designerin ein.

Besonders beeindruckend ist ein Kleid für die Schauspielerin Ruth Ford, das in einem Bogen versteckt präsentiert wird. Ein Wunderwerk aus schwarzem Jerseys, das durch Knochenformationen überraschend modelliert ist – inspiriert von Skizzen ihres Freundes Salvador Dalí. Dalís Kommentar, “Liebe Elsa, ich bevorzuge diese Idee von ‘Knochen außen’ sehr,” trifft den Nagel auf den Kopf. Die clevere Platzierung des Kleides ermöglicht es dem Betrachter, seine Rückansicht später in der Ausstellung erneut zu bestaunen, wo ebenfalls Knochenapplikationen zu finden sind – ein Detail, das Andrew Bolton, Kurator der Metropolitan Museum of Art, 2012 unbedingt für seine Ausstellung “Schiaparelli and Prada: Impossible Conversations” sehen wollte, doch dessen Fragilität es verhinderte.

Surrealismus in stoff und form

Surrealismus in stoff und form

Die Zusammenarbeit mit Dalí kulminierte in weiteren Meisterwerken: dem “Tears”-Kleid, dessen zerrissener Stoff in Fleischepink und Rottönen eine dramatische Wirkung erzeugt, und dem “Lobster”-Kleid aus dem Sommer 1937, dessen aufgemaltes Hummer-Motiv von Paul Sache stammte. Wallis Simpson trug es einst, und Cecil Beaton verewigte sie damit in den Gärten des Château de Candé – ein Bild von schwindelerregender Eleganz, das dennoch eine gewisse Kühle und Distanziertheit ausstrahlt, die den perfekten Schiaparelli-Kunden charakterisierte.

Edward James, Surrealisten-Sammler und Verehrer Ruth Fords, förderte beide Künstler großzügig und bescherte Ruth weitere Dalí-Kreationen sowie ein atemberaubendes Jacket mit prunkvollen Zirkusrosen und Straußenfedern, das mit einem Pflaumenbraunen Kleid getragen wurde. Ein weiteres Jacket aus schwarzem Krepe, verziert mit bunten Pailletten und Spiegeln, erinnert an eine Zirkusdarstellerin und ist ein Meisterwerk der Lesage-Stickerei. Die Vielfalt der gezeigten Jacken – von einem Rockjacket mit einem pinkfarbenen Schock-Taffeta-Schleier bis hin zu einem klassischen Modell mit hartem Schulteransatz – illustriert Schiaparellis Bandbreite und ihren Einfluss auf die Mode.

Picasso, hüte und die wiederentdeckung einer künstlerin

Picasso, hüte und die wiederentdeckung einer künstlerin

Ein besonderer Blickfang ist das Porträt von Nusch Éluard von Pablo Picasso, das Schiaparellis Jacket mit breitem Kragen und charakteristischen Knöpfen zeigt. Lange genug ging es in Museen auf der Welt mit Schulterzucken einher, wenn man nach Schiaparelli fragte. Nun erhält die Designerin endlich die Anerkennung, die ihr zusteht. Picasso, dessen Werke Schiaparelli selbst sammelte und dessen Freunde ihre Kleider trugen, hätte dieser Würdigung sicherlich zugestimmt.

Die Ausstellung präsentiert auch eine faszinierende Auswahl an Hüten, darunter der legendäre “Schuh”-Hut mit pinkfarbenem Absatz, für den sowohl Gala Dalí als auch Helena Rubinstein einst Buhei machten. Die Präsentation der Mode, der Schmuckstücke und Düfte – von “Zut” über “Sleeping” bis hin zu “Shocking” – ist ein Fest für die Sinne. Die kreppige Tarnkleid, das Millicent Rogers trug, mit ihren drei schweren Reißverschlüssen, oder der greigefarbene Hosenanzug aus dem Jahr 1939, mit seinen vier quadratischen Taschen, zeugen von Schiaparellis unkonventionellem Stil.

Ein vermächtnis, das inspiriert

Die Ausstellung endet mit drei weiteren Meisterwerken: einem schwarzen Wollmantel mit goldfarbenen Rosen und Knopfdetails, einem asymmetrisch drapierten, braunen Kleid mit einem smaragdgrünen Band und einem kurzen, smaragdgrünen Federumhang und einem Mantels aus verziertem goldenem Gewebe mit aufwendigen Ärmeln und einem breiten Kragen. Diese Kreationen sind nicht nur Kleidung, sondern Skulpturen, die die Fantasie beflügeln. Wer hier nicht dem Drang erliegt, sofort hinzugehen und die Ausstellung zu erleben, hat den Sinn des Lebens verfehlt.