Rückkehr der robe: luxus-glamour erobert die laufstege
Die Modewelt atmet auf – oder besser gesagt, sie hüllt sich in Seide und Fell. Nach den nüchternen Zeiten der Pandemie sehnen sich Designer und Konsumenten gleichermaßen nach Opulenz, Romantik und einem Hauch von Melancholie. Und was passt besser zu dieser Sehnsucht als die Rückkehr der Robe, ein Kleidungsstück, das vergangene Epochen in sich trägt?
Von wuthering heights zu den laufstegen
Der Einfluss von Emily Brontës „Wuthering Heights“ ist unübersehbar. Doch die romantische Verklärung von Leidenschaft und Verlangen findet ihren Weg nicht nur in die Literatur, sondern auch auf die Laufstege. Sowohl für die Frühjahr/Sommer- als auch für die Herbst/Winter-Kollektionen 2026 haben Bustiers und Volants ihr Comeback erlebt, ebenso zarte Spitze bei Simone Rocha und Cecilie Bahnsen. Dabei wird das Art-Déco-Erbe mit Drop-Waists bei Chanel, Marni und Rabanne neu interpretiert, ergänzt durch eine Farbpalette, die gute Laune verbreitet – von Auralee bis Prada und Ferragamo.
Doch das eigentliche Highlight ist die Seidenrobe mit Fellbesatz, ein Relikt vergangener Zeiten, das plötzlich wieder voll im Trend liegt. Alexa Chung, Zoë Kravitz, Kate Moss und Jennifer Lawrence gehören zu den Prominenten, die dieses Kleidungsstück bereits für sich entdeckt haben. Es ist mehr als nur ein Trend; es ist eine natürliche Weiterentwicklung der Balletcore-Ästhetik vergangener Saisons, eine raffiniertere Interpretation des „Almost Famous“-Looks und ein fließender Übergang von den 1970er- zu den 1980er-Jahren.

Londoner designer setzen akzente
Besonders hervorzuheben ist der Londoner Designer Conner Ives, dessen Seidenfloral-Demi-Couture-Kappen Lawrence, Moss und Kravitz bereits geschmückt haben. Sein Herbst/Winter 2026 Show-Opener, ein nachtlanger Seidenschal aus recyceltem Vintage-Fell und kostbaren Qing-Dynastie-Wandteppichen, demonstriert ein unglaubliches handwerkliches Können. Der Look ist überraschend vielseitig, denn er lässt sich spielerisch über ein T-Shirt und Jeans kombinieren. Ives selbst nannte das Stück den teuersten Artikel auf seiner Liste, der sich dennoch als Bestseller entpuppt hat.
Parallel dazu arbeitet der in London ansässige bulgarische Designer Viktor Gichev an seiner eigenen, von Antiquitäten inspirierten Interpretation der Robe. Er betreibt zudem das exzellente „One Of A Kind“-Archiv in Portobello Road, wo er schimmernde, transparente Alexander McQueen- und Galliano-Ära Dior-Kleider neben Fendi-Felle, Chanel-Ensembles und Tom Ford für Gucci-Statement-Outerwear kuratiert. Gichev trug selbst eine Poiret-artige Jacquard-Robe aus Blumenvorhängen und recyceltem Zobellfell.
„Es ist etwas Besonderes, diesen vergessenen Stücken ein zweites Leben zu geben – sie tragen Erinnerungen und Energie mit sich“, erklärt Gichev. Seine Inspiration findet er in historischen Opernklappen und Silhouetten des frühen 20. Jahrhunderts, wobei Paul Poiret und Romeo Gigli als Referenzen dienen. Er sieht seine Stücke perfekt zu Jeans und modernen Stilelementen kombiniert: „Es ist dieser Widerspruch, den ich mag… getragen auf eine mühelose, persönliche, ungezwungene Art.“

Vintage-fundstücke und die sehnsucht nach handwerkskunst
Die Modedesigner suchen in den Archiven nach Inspiration. Alice Betts entdeckte die Galliano-Herbst/Winter 1998-Kollektion und stürzte in eine Recherche über Roben, bevor Conner Ives den Trend endgültig in ihr Bewusstsein brachte. Tatsächlich scheinen Vintage-Fundstücke die besten Ergebnisse zu liefern. „Ich glaube, dass die Rückkehr der Robe auf unserem Verlangen nach der Vergangenheit zurückzuführen ist“, sagt Vintage- und Antiquitätenkuratorin Lucia Zolea. „Ein Verlangen nach einem kunstvoll gefertigten Stück, das Stunden der Liebe und Arbeit widerspiegelt.“
Und in der Tat: Jede Version der Robe – ob vintage oder neu – zeichnet sich durch üppische Stickereien, Blumenmuster, pastorale Szenen und Applikationen aus. Es ist ein direkter Weg zu einem kunstvollen, persönlichkeitsschen Kleidungsstil. Zoleas aktuelle Online-Drops beinhalten beispielsweise eine buttergelbe Jacke aus den 1940er Jahren aus reiner Seidenblumenstoff, verziert mit einem natürlichen Pelzkragen.
Auch Samantha Lease von Jellybean Vintage in New York hat kürzlich eine vintage Adrienne Landau Kimono-Robe gefunden, die innerhalb von Minuten ausverkauft war: ein babyblaues Jackett mit luxuriösen Fuchsfellbesätzen. Sie hat bereits mindestens vier verschiedene farbige Roben verkauft und verweist auf eine Art Kultstatus, der diesem Stil eigen ist. „Es ist ein Statement-Piece, das gleichzeitig extrem leicht zu tragen ist“, so Lease.
Ein hauch von opulenz für die moderne
Anna Carells, Gründerin der Marke Carelli, betont den Wandel hin zu einer opulenten, von den 1980er Jahren inspirierten Silhouette. „Es ist stärker, femininer, definierter“, sagt sie über den aktuellen Trend. „Immer noch ausdrucksstark, aber raffinierter als die weicheren, verspielteren Penny Lane-Stile, die wir zuvor gesehen haben.“ Ihre ‘Rosa’-Jacke mit Pelzbesätzen und einer sanft skulptierten Silhouette hat bereits eine starke Vorbestellungsnachfrage verzeichnet.
„Menschen wollen sowohl Komfort als auch Präsenz“, erklärt Carells. „Stücke, die leicht zu tragen sind, aber dennoch etwas aussagen. Genau das bewirkt diese Silhouette: Sie verleiht Form, Selbstbewusstsein, ohne das mühelose Gefühl zu verlieren.“
Die robe als spiegelbild unserer zeit
Viktor Gichev sieht in der Ascension der Robe eine Reaktion auf die heutige Zeit. „Im Zeitalter der KI und Chat GPT fühlen sich viele Dinge so pragmatisch, klinisch und seelenlos an“, so Gichev. „Ich spüre eine echte Sehnsucht nach Romantik und Eskapismus.“
Und die Frage ist: Sind Sie bereit, sich in eine Robe zu hüllen?