Müllsäcke auf dem roten teppich: ist trash jetzt high fashion?

Ein Foto, das die Runde macht, eine Debatte, die das Internet spaltet: Die chinesische Schauspielerin Zhang Jingyi stolzierte mit einer gelben Plastiktüte über einen roten Teppich in Peking. War es ein Statement? Ein modisches Versehen? Oder gar ein Balenciaga-Accessoire? Die Wahrheit ist weniger glamourös, doch die Frage, die im Netz aufkeimte, bleibt spannend: Wo führt diese Hinwendung zum Abfallhaufen in der Mode hin?

Der „trash bag“-trend von balenciaga und seine vorläufer

Die Debatte um Zhang Jingyis Tasche mag zwar auf einer Fehleinschätzung beruhen, doch sie beleuchtet einen bereits etablierten Trend. Balenciaga selbst stürmte 2022 mit Leder-Taschen, die schamlos an Müllsäcke erinnerten, in den Modushimmel. Der damalige Kreativdirektor Demna, mittlerweile bei Gucci tätig, präsentierte diese ungewöhnlichen Accessoires, die für rund 2.100 Euro das Konto belasten. Und es blieb nicht dabei: Auch Chipstüten aus Leder und andere skurrile Formen fanden ihren Weg in die Kollektionen.

Doch Balenciaga ist keineswegs ein Pionier. Schon Miuccia Prada und Raf Simons bei Prada scheuten sich nicht, in ihrer jüngsten Herrenkollektion bewusst gefleckte Hemden auf den Laufsteg zu schicken. Es geht nicht um mangelnde Sorgfalt, sondern um eine bewusste Ästhetik des Unvollkommenen.

Die Modewelt scheint eine seltsame Faszination für das Abgenutzte, das Verschmutzte zu entwickeln. Coach präsentierte bereits im Frühjahr 2025 Teile, die den Anschein erweckten, als hätten sie einiges erlebt, und Gucci wagte im Resort 2018 den Schritt mit schmutzigen Turnschuhen, die aussahen, als wären sie gerade von einem staubigen Trailrun zurückgekehrt.

Von chanel bis rick owens: der weg zur „used“-optik

Von chanel bis rick owens: der weg zur „used“-optik

Die Liste der Designer, die mit der „Used“-Optik experimentieren, ist lang. Chanel sorgte 2014 für Aufsehen mit einer Kollektion von Taschen und Rucksäcken, die mit Graffiti und Schmutz versehen waren – einige davon erzielen heute Preise jenseits der 15.000 Euro. Auch zerrissene Jeans, ausgefranste Strickwaren und sogar Rick Owens’ tropfende Strickpullover, die aussahen, als wäre jemand versehentlich eine Farbdose über sie gekippt, haben ihren Platz auf den Laufstegen der Welt gefunden.

Es ist ein wiederkehrendes Phänomen, ein regelrechtes Trendspiel mit dem Verfall. Doch die Frage, die sich einem aufdrängt, ist: Wer würde tatsächlich Geld für ein Kleidungsstück ausgeben, das absichtlich ramponiert aussieht? Und ist dieser Trend ein Ausdruck von Kreativität oder schlichtweg eine neue Form der Exzentrik?

Die Diskussionen um Pradas gefleckte Hemden zeigten kürzlich, wie gespalten die Meinungen sein können. Einige nannten es „collapsed economy core“, während andere vermuteten, dass es sich um eine clevere Anspielung auf die Beliebtheit von Second-Hand-Prada-Stücken handelt. Denn wer würde bei einem Fund auf dem Second-Hand-Markt nicht über ein paar Flecken hinwegsehen?

Vielleicht ist die Moral von der Geschichte gar nicht, tausende Euro für ein bewusst beschädigtes Kleidungsstück auszugeben, sondern vielmehr, unsere eigenen Garderoben liebevoller zu behandeln. Erinnern wir uns an Mary-Kate Olsen, die in den 2000er-Jahren mit einer weinbefleckten Balenciaga City Bag herumschwebte, oder an Jane Birkin, die ihre luxuriösen Birkin-Taschen immer wieder bis zum Rand füllte? Lasst uns diesen Geist wieder aufleben lassen: Liebe eure Kleidung, eure Schuhe, eure Taschen – und gebt ihnen ein erfülltes Leben. Denn das Leben ist unvollkommen, und unsere Garderoben müssen es auch sein.