Mode-ausstieg: wenn designer neue leidenschaften entdecken

Die Laufstege verstummen, das Rampenlicht erlischt – und was passiert dann? Wenn Schwergewichte der Modebranche plötzlich einen anderen Weg einschlagen, offenbart sich ein faszinierendes Panorama unerwarteter Neuanfänge. Es ist eine Geschichte von kreativer Transformation, von der Suche nach Erfüllung jenseits des glamourösen, aber oft gnadenlosen Modezirkels.

Fußball statt haute couture: unerwartete wendungen

Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Auszeit aus der Mode, während meiner Genesung nach einem Schlaganfall. Da fand ich unerwartet Trost im Fußball – ein Sport, für den ich zuvor kein Interesse zeigte. Solche unerklärlichen Wechsel sind typisch für Zeiten des Wandels. Und tatsächlich erleben wir gerade einen regelrechten Auswanderungsstrom aus der Modewelt: 17 neue Gesichter bei renommierten Pariser und Mailänder Häusern, während gleichzeitig andere Abschied nehmen. Wohin geht die Reise dieser Kreativen? Welche neuen Leidenschaften entfachen sie?

Christian Lacroix, einst das Nonplusultra der 80er-Jahre, verließ sein eigenes Modehaus 2009, um sich der Theaterbühne zu widmen – ein Triumph! Helmut Lang, der die 90er prägte, konzentrierte sich ab 2005 auf die Kunst. Rifat Ozbek, dessen Designs ebenso die 80er wie die 90er Jahre beherrschten, transferierte sein Talent in die Innenarchitektur, darunter für das exklusive Manhattaner Clubhaus von Robin Birley. Francisco Costa verließ nach 13 Jahren Calvin Klein, um seine eigene, nachhaltige Schönheitslinie, Costa Brazil, zu gründen. Die Liste ist lang.

Der jüngste Fall ist Dries van Noten, der 2024 nach fast 40 Jahren von seinem gleichnamigen Label abtrat. Sofort begann er ein neues Kapitel. Er und sein Ehemann, Patrick Vangheluwe, behalten zwar weiterhin die Kontrolle über die Geschäfte in New York und London, aber ihre Aufmerksamkeit gilt nun einem anderen Projekt. Ihr Leben fand schon lange einen zweiten Schwerpunkt in einem bezaubernden Landhaus aus den 1840er Jahren in der Nähe von Lier, das sie mit Hilfe von Gert Voorjans einrichteten und mit Gärten von Piet Oudolf und Erik Dhont verschönerten. Kürzlich entdeckten sie Venedig, das nun sowohl ihr neues Zuhause als auch Standort ihrer Stiftung ist – ein prächtiger Palazzo mit Stuckarbeiten eines Assistenten Tiepolos, der eine Geschichte von Kunst und Handwerkskunst atmet.

“Für mich ist Handwerkskunst sehr breit gefächert”, erklärt van Noten. “Ich möchte viele verschiedene Disziplinen abdecken – nicht nur Keramik, Silber und Glas, sondern auch Musik, Kulinarik… Menschen drücken sich auf unterschiedliche Weise aus.” Er beweist, dass kreative Energie nicht an eine bestimmte Form gebunden ist.

Neuanfang und reflexion: kreativität findet neue wege

Neuanfang und reflexion: kreativität findet neue wege

Clare Waight Keller nutzte ihre Auszeit nach dem Verlassen von Givenchy im Jahr 2020, um zu reflektieren. “Ich habe eine Zeit gehabt, in der ich Dinge getan habe, die ich schon lange nicht mehr gemacht hatte.” Nach einem intensiven Arbeitsalltag erlaubte sie sich, den Kopf freizubekommen. Sie las, recherchierte online, machte lange Spaziergänge und ließ ihre Gedanken schweifen. Diese Phase der Stille war wohltuend und inspirierend.

Haider Ackermann, der sein eigenes Label 2019 verließ, fand ebenfalls Trost in der Kontemplation. “Ich habe immer ein unsicherer Mensch gewesen”, gesteht er. “Für mich war es ein Vorteil, mich selbst zu hinterfragen und so voranzukommen.” In der Folgezeit erkannte er, wie sehr er seine Arbeit vermisste, die Leidenschaft, die ihn antrieb. Er entwarf weiterhin exquisite Kleider für Stars wie Timothée Chalamet und Tilda Swinton, ohne kommerzielle Absichten. Der Ruf von Canada Goose und später von Tom Ford rissen ihn dann doch wieder in den Strudel der Mode.

Sarah Burton, die nach 26 Jahren Alexander McQueen verließ, fand ihren Ausdruck ebenfalls in neuen Projekten, während Christopher Bailey, einst eine treibende Kraft bei Burberry, fand seine Erfüllung in der Rolle als Vater. Er beweist, dass Glück und Erfüllung nicht immer in der Karriere liegen müssen.

Die Modebranche erlebt gerade eine Zeitenwende. Alte Gewissheiten zerbrechen, neue Wege entstehen. Es ist eine spannende Entwicklung, die uns zeigt, dass Kreativität nicht an einen bestimmten Kontext gebunden ist, sondern sich immer wieder neu erfindet. Und ich, der ich einst in den Zahlen die Geschichten der Mode entschlüsselte, beobachte diese Transformation mit großer Neugier und einem Gefühl der Hoffnung.

Die Zahlen mögen sich ändern, die Trends flüchtig sein, aber die menschliche Sehnsucht nach Kreativität und Ausdruck bleibt – und das ist ein konstantes, beruhigendes Element in dieser sich ständig wandelnden Welt. Und in dieser Gewissheit liegt eine ungeahnte Schönheit.