Laufstege spiegeln die realität kaum wider: inklusivität erreicht tiefpunkt

Die Modewelt präsentiert sich gern als Vorreiterin, doch die neuesten Zahlen zur Repräsentation von Körpergrößen auf den Laufstegen lassen wenig Hoffnung auf eine tatsächliche Veränderung erkennen. Die diesjährige Herbst-/Winter-Kollektion 2026 markiert einen neuen Tiefpunkt in Sachen Inklusivität – eine Entwicklung, die das Image der Branche nachhaltig beschädigt.

Die zahlen lügen nicht: ein erschreckendes bild

Von den 7.817 präsentierten Looks in 182 Shows und Präsentationen gehörten überwältigende 97,6% der sogenannten „Straight-Size“-Kategorie (US 0-4). Nur 2,1% der Looks waren in den Größen US 6-12 zu finden, und gerade einmal 0,3% repräsentierten Plus-Size-Modelle (US 14+). Diese Diskrepanz zeigt, wie weit die Modeindustrie noch entfernt ist von einer echten Abbildung der Vielfalt der Frauenkörper.

Hollie Schliftman, Casting-Direktorin für Christian Siriano, bringt es auf den Punkt: „Es fühlt sich oft an, als ob Inklusivität als kurzlebiger Trend behandelt wird, anstatt als dauerhafte Veränderung.“ Der Aspirationseffekt der Mode darf nicht auf Kosten der Realität gehen. Die Mehrheit der Frauen trägt Größen 8, 10 oder 12 – eine Tatsache, die auf den Laufstegen dringend widergespiegelt werden muss.

Emma Matell, die ebenfalls für die Besetzung von Shows verantwortlich war, weist auf die zunehmende Sichtbarkeit von Laufstegen hin: „Durch Live-Streams können nun viele Menschen die Shows verfolgen. Das erhöht den Druck, ein inklusiveres Bild zu zeigen.“

Die bittere wahrheit: eine auslöschung weiblicher körper

Die bittere wahrheit: eine auslöschung weiblicher körper

Chloe Rosolek, Casting-Direktorin für Karoline Vitto, spricht von einer „Auslöschung weiblicher Körper“. Sie beschreibt eine Situation, in der Models entweder gezwungen sind, sich anzupassen, um überhaupt arbeiten zu können, oder am Rande stehen. „Der Luxusmarkt ist so fatphob, dass er sich weigert, sich zu ändern“, sagt Rosolek mit deutlicher Kritik.

Die Verantwortung liegt laut den Casting-Direktoren bei den Kreativdirektoren, Stylisten und Fotografen. Obwohl die Designer letztendlich die Entscheidungen treffen, sehen sie eine Möglichkeit für Casting-Direktoren, sich für eine größere Vielfalt einzusetzen. Es bedarf eines Umdenkens: Repräsentation sollte zur Norm, nicht zur Ausnahme werden.

Barbara Pfister, eine erfahrene Casting-Direktorin, weist auf die logistischen Herausforderungen bei den Shows hin, betont aber, dass Kampagnen mehr Flexibilität bieten: „Bei Kampagnen kann der Stylist die benötigten Größen zwei Wochen im Voraus besorgen.“

Die talentpipeline: mehr als genug potenzial

Die talentpipeline: mehr als genug potenzial

Es gibt keinen Mangel an Plus-Size-Models, betonen die Casting-Direktoren. Die Agenturen haben mittlerweile spezialisierte Abteilungen für kurvige Models. Das Problem ist die mangelnde Bereitschaft der Marken, diese Talente einzusetzen und ihnen faire Aufträge zu gewähren. „Es macht keinen Sinn, wenn kurvige Models nur für eine Show reisen“, so Matell.

Die wirtschaftliche Realität für Plus-Size-Models ist oft hart. Während einige Models durch Werbeverträge gut verdienen, sind sie auf High Fashion angewiesen, um ihre Karriere voranzutreiben. Die wenigen Aufträge führen zu geringerer Sichtbarkeit und kumulativen Einkommen.

Die Situation wird durch konservative politische Strömungen und den Einfluss von GLP-1 Medikamenten noch verschärft. Rosolek berichtet von Fällen, in denen Agenten Models wegen geringfügiger Abweichungen von der Norm nach Hause schickten. Es ist ein Teufelskreis, der die Inklusivität weiter untergräbt.

Die Modeindustrie muss endlich erkennen, dass die Mehrheit der Konsumentinnen kurvige Frauen sind, die sich in den präsentierten Kleidern wiederfinden wollen. Es ist nicht nur eine Frage der Ethik, sondern auch des wirtschaftlichen Erfolgs. Der Laufsteg sollte nicht länger ein Spiegelbild unrealistischer Schönheitsideale sein, sondern ein Ort der Vielfalt und Repräsentation.