Martha graham: tanzlegende lebt weiter – und inspiriert eine neue generation

Fast ein Jahrhundert nach ihrem ersten Auftritt hallen die Bewegungen Martha Grahams noch immer wider – kraftvoll, expressiv und zutiefst menschlich. Die Martha Graham Dance Company feiert ihr hundertjähriges Bestehen und enthüllt in einer neuen Dokumentation nicht nur die Vision einer Pionierin, sondern auch die lebendige Tradition, die sie hinterlässt.

Ein vermächtnis, das tanzt

Martha Graham, eine Figur, die das 20. Jahrhundert fast vollständig begleitete, blickte sowohl in die Wurzeln der Antike als auch in die Gegenwart. Ihre Werke thematisierten ödipale Sehnsüchte und das insidious Ansteigen des Faschismus. Die Bühnenbilder Isamu Noguchis waren dabei ebenso essentiell wie die Kostüme von Designern wie Halston und Calvin Klein, die die Darsteller in ihren Bewegungen unterstützten. Graham war mehr als nur eine Künstlerin, die in ihrer eigenen Welt existierte; sie sah sich als Teil des amerikanischen Gefüges. „Bestimmte Dinge sind für uns alle lebendig, obwohl sie in der eigentlichen Vergangenheit liegen“, schrieb sie einst an Aaron Copland, als sie gemeinsam an dem optimistischen Western-Ballett Appalachian Spring arbeiteten.

We Are Our Time, eine neue zweitägige Dokumentation, die auf PBS ausgestrahlt wird, beleuchtet das Innenleben der Company – von Proben über Tourneebus bis hin zur Bühne. Der Film konzentriert sich nicht nur auf die legendäre Choreografin, sondern vor allem auf die Gegenwart, auf die Tänzer, die ihr Werk fortführen und interpretieren.

“Man tanzt nicht für ein Publikum von tausend Menschen. Man tanzt für tausend Einsen. Es gibt immer einen, zu dem man spricht“, sagte Graham und fasste ihre künstlerische Philosophie treffend zusammen. Die Dokumentation zeigt, wie diese Verbindung in der heutigen Zeit lebendig gehalten wird – durch die Arbeit der Tänzer, die Grahams Ideen neu beleben.

Jamar roberts: der geist der ungezähmten

Jamar roberts: der geist der ungezähmten

Ein zentraler Punkt der Feierlichkeiten ist die Arbeit des Choreografen Jamar Roberts, der mit We the People (2024) sein erstes Werk für die Company präsentierte. Roberts, der selbst aus der Alvin Ailey School stammt, versteht die tiefe Verwurzelung der Tänzer und fordert sie auf, in sich selbst tief zu graben. „Es gibt hier den Geist der Ungezähmten“, so Roberts in der sunnigen West Village Studio, „und man findet ihn nicht überall.“ Der Film fängt die Fertigstellung dieses Werkes ein, in dem Lloyd Knight in einem eindringlichen Solo in schweigender Schwere auftritt und schließlich regungslos zu Boden sinkt.

Janet Eilber, die künstlerische Leiterin seit 2005, betont, dass die Company nicht in einem „heiligen Schrein“ für Martha Graham verharre, sondern ihre „Appetit für das Neue“ ehrt. Diese Offenheit zeigt sich auch in den Reisen der Company, beispielsweise in China, wo Xin Ying ihre Mutter nach der Pandemie wiedersehen konnte, während ihre amerikanisch geborene Tochter die Emotionen kaum begreifen kann.

Erinnerung und neukreation

Erinnerung und neukreation

Die Dokumentation wirft auch einen Blick auf die Vergangenheit, beispielsweise auf die Weigerung Grahams, 1936 in Berlin aufzutreten. Meryl Streep, deren Stimme in der Dokumentation Graham zum Leben erweckt, trug dazu bei, dass das Projekt eine besondere Note erhielt. Schnall erinnert sich: „Sie pausierte und sagte: 'Ich habe Martha Graham immer sitzend gesehen, also werde ich auch sitzen.'“

Die Company steht vor einem Umzug in neue Studios im Midtown, inklusive eines Pickleball-Feldes – ein humorvoller Versuch, die Finanzierung zu sichern. Doch Eilber betont: “Es ist nicht Martha’s hundertjähriges Bestehen. Das war 1994. Es geht um ihre größten Mitwirkenden – fast 500 Tänzer, die bereits in der Company getanzt haben.“

Der Film zeigt auch, wie die Company sich mit Schulen auseinandersetzt, wie beispielsweise in Minneapolis, wo Schüler eine Hommage an Grahams American Document entwickelten. „Es war atemberaubend“, sagt Eilber, „als die Jugendlichen ihre Kompositionen präsentierten, mit Audioaufnahmen, die erzählten, warum ihre Familien nach Amerika gekommen waren, gefolgt von traditionellen Tänzen aus ihren Heimatländern.“

Die Kunst des Tanzes und die Macht des Films stehen im ständigen Spannungsfeld. Doch auch wenn sich die Zeiten ändern und die Räume verschieben, bleibt eines konstant: Martha Grahams Vermächtnis lebt weiter – in den Bewegungen, den Ideen und den Herzen derer, die sie tanzen und erzählen.