Martha graham: eine legende tanzt weiter – und inspiriert eine neue generation

Vor dreißigfünf Jahren verstarb Martha Graham, doch ihre Kunst lebt weiter, pulsierend und relevant wie eh und je. Die Martha Graham Dance Company feiert ihr hundertjähriges Bestehen und enthüllt in einer neuen Dokumentation nicht nur die Geschichte einer Pionierin, sondern auch die gegenwärtige Kraft ihrer Vision. Ein Jahrhundert Tanz, der uns alle berührt.

Die kontraktion und entspannung: mehr als nur bewegung

Graham war eine Ausnahmeerscheinung. Ihre Arbeit verband tiefgründige psychologische Erkundungen – von ödipalen Triebsuchen bis hin zur subtilen Bedrohung des aufsteigenden Faschismus – mit einer radikal neuen Bewegungssprache. Isamu Noguchi schuf für sie ikonische Bühnenbilder, während Designer wie Halston und Calvin Klein ihre Tänzerinnen später einkleideten. Doch Graham war mehr als nur eine Künstlerin, die in ihrer eigenen Welt existierte; sie sah sich als Teil des amerikanischen Gefüges. „Bestimmte Dinge sind für uns alle lebendig, obwohl sie in der eigentlichen Vergangenheit liegen“, schrieb sie einst an Aaron Copland, als sie gemeinsam an dem optimistischen Western-Ballett Appalachian Spring (1944) arbeiteten. Eine Aussage, die bis heute nachhallt.

<I>we are our time</i>: ein blick hinter die kulissen

we are our time: ein blick hinter die kulissen

Die neue PBS-Dokumentation We Are Our Time, entstanden aus zweieinhalb Jahren intensiver Beobachtung, nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise durch den Alltag der Company – von Proben und Tourbusfahrten bis hin zu den magischen Momenten auf der Bühne. Der Titel ist eine direkte Anspielung auf ein Zitat Grahams: „Kein Künstler ist seiner Zeit voraus. Er ist seine Zeit; es ist nur so, dass andere hinter den Zeiten herhinken.“ Die Filmemacher Peter Schnall und Cyndee Readdean konzentrieren sich dabei auf die Gegenwart, auf die Tänzerinnen und Tänzer, die Grahams Vermächtnis am Leben erhalten.

Ein besonders berührender Moment: Leslie Andrea Williams, die seit vielen Jahren als Primaballerina bei der Company tanzt, interpretiert Lamentation, das 1930 entstand. Ein Split-Screen zeigt Graham selbst in dieser ikonischen Rolle, zwei Verkörperungen des Schmerzes und der Trauer, gefangen in einem engen, violetten Tuch. Die Stimme Meryl Streep, die Grahams Worte vorträgt, verleiht der Szene zusätzliche Tiefe – eine Entscheidung, die erst kurz vor Fertigstellung des Films getroffen wurde, als sich ein Zeitfenster in Streeps Terminkalender öffnete. Schnall erinnert sich: „Als sie die ersten Takes machte, war es, als ob wir wüssten, dass wir endlich das gefunden hatten, wonach wir gesucht hatten – und noch viel mehr.“

Die nächste generation: jamar roberts und <i>we the people</i>

Die nächste generation: jamar roberts und we the people

Janet Eilber, die künstlerische Leiterin seit 2005, treibt die Company in ihr zweites Jahrhundert weiter. „Wir verehren Martha Graham nicht als ein heiliges Kultobjekt, sondern ehren ihre unstillbare Neugierde“, erklärt sie im Film. Diese Offenheit für Neues zeigt sich auch in der Arbeit von Choreografen wie Jamar Roberts, dessen Werk We the People (2024) auf die Musik von Rhiannon Giddens basiert. Roberts, der zuvor bei Alvin Ailey tanzte und die Graham-Technik beherrscht, fordert seine Tänzer heraus, tief in ihre Wurzeln zu greifen. „Hier lebt ein Geist der Ungezähmtheit, den man nicht überall findet“, sagt er in der sonnendurchfluteten West Village Studio.

Von china bis bologna: die kunst der verbindung

Die Company tourt durch die Welt und verbindet dabei Vergangenheit und Gegenwart. Während einer Tournee in China, kurz nach der Wiedereröffnung der Grenzen nach der Pandemie, erlebt die Primaballerina Xin Ying eine emotionale Wiedervereinigung mit ihrer Mutter, während ihre amerikanisch geborene Tochter versucht, die Gefühle zu verstehen. In Bologna führt Leslie Andrea Williams das eindringliche Solo Spectre-1914 auf, ein Teil des 1936 entstandenen Balletts Chronicle, das Graham als Warnung vor dem Faschismus nutzte. Die rote Innenseite des Rocks verstärkt den dramatischen Effekt.

Doch die Zeit rennt. Die Company wird bald ihren Sitz im Westbeth-Gebäude verlassen, ein Ort, der seit 2012 ihr Zuhause war und nach dem Tod von Merce Cunningham und der Auflösung seiner Company übernommen wurde. Sogar das Archiv, das im Keller untergebracht ist, wurde durch Hurricane Sandy beschädigt. „Dieser Bereich war zehn Tage lang unter Wasser“, erzählt Eilber. Trotzdem blickt sie optimistisch in die Zukunft, in neue Studios in einem Midtown-Gebäude, das auch Broadway-Proberaum und – ein ironischer Gedanke – einen Pickleball-Court beherbergt. „Wir können Aufwärm- und Cool-Down-Übungen durchführen, um ihre Muskeln, Knöchel und Knie zu schützen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Die Dokumentation We Are Our Time ist mehr als nur eine Feier des hundertjährigen Bestehens der Company. Sie ist ein Zeugnis der Kraft der Verbindung, der Kontinuität und der unsterblichen Kunst Martha Grahams. Denn wie Graham selbst einst sagte: „Es geht nicht um das hundertjährige Bestehen von Martha Graham. Das war 1994. Es geht um ihre größten Mitwirkenden – fast 500 Tänzer, die jetzt in der Company getanzt haben.“