Zollstreit-erstattungen: hedgefonds wittern geschäftszwang

Washington – Der US-Supreme Court hat Donald Trumps Zölle aufgehoben. Doch statt Erleichterung herrscht Verwirrung: Modemarken, die Milliarden an Einfuhrabgaben gezahlt haben, warten seit Monaten auf Rückerstattungen. Und es entsteht ein Handel, der die Finanzwelt überrascht.

Ein lukratives nebengeschäft für investmentfonds

Während die US-Regierung sich Zeit lässt, haben clevere Köpfe im Finanzsektor die Situation erkannt und in ein Geschäft verwandelt. Hedgefonds nähern sich Importeuren – darunter auch zahlreiche Modeunternehmen – mit einem Angebot: Sie kaufen die Ansprüche auf Zollrückerstattungen zu einem deutlich reduzierten Preis. Im Gegenzug erhalten die Marken sofortige Liquidität. Es ist, als würden Staatsverpflichtungen in handelbare Vermögenswerte umgewandelt.

King Street Capital und Oppenheimer sind Namen, die in diesem Zusammenhang immer wieder auftauchen. Einige Banken agieren als Vermittler, ohne dabei selbst das Risiko zu tragen. „Es ist eine dynamische Situation“, erklärt Tom Janover von Herbert Smith Freehills Kramer. „Die Beweggründe jedes Unternehmens, das einen Anspruch hat, sind unterschiedlich. Daher erfordern diese Transaktionen individuelle Verhandlungen.“

Die Verzweiflung sitzt tief: Die Verhandlungen sind nicht auf verzweifelte Unternehmen beschränkt, wie anfänglich angenommen. Auch größere Unternehmen mit soliden Finanzabteilungen beteiligen sich, getrieben von dem Wunsch nach Liquidität und dem Bewusstsein, dass das Warten auf die Regierung mit eigenen Risiken verbunden ist. Neil Saunders von GlobalData fasst es treffend zusammen: „Niemand weiß genau, wie der Rückerstattungsprozess aussehen wird, wie lange er dauern wird oder ob er überhaupt stattfindet. Es zählt das Prinzip: ‚Besser einen Vogel in der Hand als zwei auf dem Baum‘.“

Cape und die zögerliche us-regierung

Cape und die zögerliche us-regierung

Brandon Lord vom US Customs and Border Protection (CBP) kündigte an, dass die Rückerstattungssysteme (CAPE) voraussichtlich Anfang Juni starten sollen. Allerdings decken nur etwa 63 % der Importe ab. Die restlichen 37 %, einschließlich Einträge mit offenen Protesten oder Rückforderungen, werden auf spätere Phasen verschoben – ohne konkreten Zeitrahmen. Selbst für qualifizierte Einträge ist mit einem 45-tägigen Bearbeitungszeitraum zu rechnen.

Steve Lamar vom American Apparel & Footwear Association kritisiert die Verzögerungen: „Diese Rückerstattungen müssen den Importeuren zügig, vollständig und automatisch zurückerstattet werden.“

Ein markt, der auf ungewissheit basiert

Ein markt, der auf ungewissheit basiert

Der Handel mit Zollrückerstattungsansprüchen hat sich bereits im Herbst letzten Jahres entwickelt, fast zeitgleich mit den ersten Klagen gegen die Zölle. Die Preise sind seither gestiegen, parallel zum Fortschritt der Gerichtsverfahren. Aktuell können Verkäufer etwa 80 Cent pro Dollar erzielen. Ein aktuelles Geschäft betrifft einen Anspruch von rund 80 Millionen Dollar, der zu 79 Cent verkauft wird – ein deutlicher Beweis für die finanziellen Zwänge, die hinter diesem Handel stecken.

Öffentliche Unternehmen halten sich zurück: Die Transparenz gegenüber den Aktionären stellt für börsennotierte Unternehmen eine Herausforderung dar. Die meisten bevorzugen daher, auf die vollständige Rückerstattung zu warten. Aaron Sanandres, Co-Founder von Untuckit, verdeutlicht die Logik des Marktes: „Es geht weniger um den Wert als um den Zeitpunkt.“

Der Textilsektor ist zudem an Factoring-Dienstleistungen gewöhnt, bei denen Forderungen an Dritte verkauft werden, um sofortige Liquidität zu erhalten. Die Zollrückerstattungs-Transaktionen sind im Grunde eine Erweiterung dieser Logik.

Ein unbequemer Nebeneffekt: Proteste: Die CBP-Forderung, dass Einträge mit offenen Protesten von der ersten Phase ausgeschlossen sind, stellt eine weitere Komplikation dar. Kundenberater hatten empfohlen, Proteste einzureichen, um die Rechte der Importeure zu schützen. Die Situation ist weiterhin unübersichtlich, und die Auswirkungen auf Unternehmen, die bereits Vereinbarungen zum Verkauf ihrer Ansprüche getroffen haben, sind noch nicht absehbar. Die Frage, ob und wann Verbraucher aufgrund von Preissteigerungen im Zusammenhang mit den Zöllen ebenfalls Ansprüche geltend machen können, bleibt ebenfalls offen.

Die Entwicklung zeigt, dass in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit auch unerwartete Geschäftsmodelle entstehen können. Doch die Zeit drängt – und die Modebranche muss sich entscheiden, ob sie auf sofortige Liquidität setzt oder auf die versprochenen Rückerstattungen der US-Regierung wartet.

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