H&m: nachhaltigkeitstrend oder grüne fassade?

H&M hat einen neuen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt, der – wie so oft – sowohl Hoffnung als auch Skepsis weckt. Während die Zahlen auf den ersten Blick beeindrucken, offenbaren sie auch die strukturellen Herausforderungen, die mit der Dekarbonisierung der Modeindustrie einhergehen. Die Frage ist: Handelt es sich um einen echten Wandel oder um eine geschickte PR-Masche?

Die erfolge: erneuerbare energien und materialinnovation

Die schwedische Modemarke vermeldet für 2025 einen Rückgang der Scope-1- und -2-Emissionen um 41% gegenüber dem Basisjahr 2019. Ein Großteil dieses Erfolgs ist auf den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien zurückzuführen, die nun 95% der Lieferkette abdecken. Auch bei den Scope-3-Emissionen, die den größten Teil des ökologischen Fußabdrucks ausmachen, wurde ein Rückgang von 34,6% erzielt. Leyla Ertur, Nachhaltigkeitschefin von H&M, führt diese Fortschritte auf Investitionen in Materialinnovationen und Maßnahmen zur Reduzierung des Energie- und Wasserverbrauchs in den Fabriken der Zulieferer zurück.

Die Abkehr von Kohlekesseln in den eigenen Fabriken, die H&M mit seinen Zulieferern betreibt, ist ein besonders greifbarer Erfolg. Die Zahl der Zulieferer, die Kohlekessel einsetzen, sank seit 2022 um 108. Bis 2026 soll die vollständige Abschaltung erreicht sein. 91% der Materialien, die H&M im Jahr 2025 verwendete, stammten aus recycelten oder nachhaltigen Quellen – ein Wert, der sogar die selbst gesteckte Zielvorgabe von 30% für recycelte Materialien übertrifft.

Die hürden: abhängigkeit von zulieferern und fehlende infrastruktur

Die hürden: abhängigkeit von zulieferern und fehlende infrastruktur

Doch die Erfolge dürfen nicht blind für die bestehenden Probleme übersehen werden. Die Dekarbonisierung der Lieferkette ist ein komplexes Unterfangen, insbesondere wenn man bedenkt, dass der Großteil der Emissionen in Fabriken entsteht, die nicht im Eigentum von H&M stehen. Die Abhängigkeit von Zulieferern und die Fragmentierung der Lieferkette erschweren die Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen erheblich.

Ein weiteres Problem ist der Mangel an erneuerbaren Energien in vielen Produktionsländern und die fehlenden rechtlichen Rahmenbedingungen für Power-Purchase-Agreements. Ertur räumt ein, dass es hier noch viel zu tun gibt. “Wir setzen uns weiterhin dafür ein, dass diese Rahmenbedingungen geschaffen werden”, so die Nachhaltigkeitschefin.

Investitionen und partnerschaften: ein teufelskreis?

Investitionen und partnerschaften: ein teufelskreis?

H&M hat im Jahr 2025 rund 2,8 Milliarden SEK (etwa 298 Millionen US-Dollar) in Dekarbonisierung und Materialinnovation investiert. Diese Investitionen gehen Hand in Hand mit einer veränderten Zusammenarbeit mit den Zulieferern. Allerdings stellt sich die Frage, ob diese Investitionen tatsächlich nachhaltig sind oder lediglich einen Teufelskreis darstellen, in dem H&M die Kosten für die Dekarbonisierung auf seine Zulieferer abwälzt.

Die Veröffentlichung eines Whitepapers in Zusammenarbeit mit der Beratungsfirma EY unterstreicht jedoch den wachsenden Konsens in der Branche: Dekarbonisierung der Lieferkette ist weniger eine Frage von Einzelinvestitionen, sondern vielmehr eine Frage des strukturellen Wandels. H&M setzt verstärkt auf langfristige Partnerschaften mit Zulieferern, die die gleichen Werte und Ambitionen teilen, und entwickelt Finanzierungslösungen für grüne Investitionen.

Die Festlegung science-based targets für den Naturschutz, im Vorbild von Kering, ist ein weiteres positives Signal. H&M verpflichtet sich, die Umwandlung natürlicher Ökosysteme zu vermeiden, den Anteil recycelter Materialien auf 50% zu erhöhen und finanzielle Unterstützung für Restaurationsprojekte zu leisten.

Die unausgesprochene wahrheit: ein isolierter erfolg?

Die Ergebnisse von H&M zeigen, dass Fortschritte möglich sind, doch sie weisen auch auf die Grenzen hin, die ein einzelnes Unternehmen erreichen kann. Ohne einen breiteren Zugang zu erneuerbaren Energien in den Produktionsregionen und klarere regulatorische Rahmenbedingungen wird die Emissionsreduktion in der gesamten Branche begrenzt bleiben. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Es braucht eine branchenweite Transformation, um die Nachhaltigkeitsziele wirklich zu erreichen.

Die Wahrheit ist, dass H&M, so beeindruckend die Fortschritte auch sein mögen, auf einem schmalen Grat wandelt. Einem Grat zwischen echter Nachhaltigkeit und Imagepflege. Und ob dieser Grat lang genug ist, um die steigenden Erwartungen der Konsumenten zu erfüllen, bleibt abzuwarten.